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„Dreck ist gesund!“ – und was uns Kinderbücher über Mikroben mitteilen

„Dreck ist gesund“ – Als Mutter dreier Kleinkinder ist mir der Buchtitel sofort ins Auge gesprungen. Meine Kinder lieben es, in schlammige Pfützen zu springen, sie lutschen des öfteren an ihren Fingern, wenn sie draußen waren, beißen an Nägeln, die wieder einmal geschnitten werden müssten, oder kosten am Spielplatz genüsslich Sand. Bakterien, Viren, Algen, Pilze, Einzeller – nicht alle von ihnen sind für den menschlichen Organismus schädlich, wie man in diesem Buch erfahren kann, vielmehr ist eine mikrobielle Vielfalt für die körperliche Entwicklung vorteilhaft. Nach der Lektüre des Ratgebers ging ich übrigens in Kindersachbüchern auf die Suche nach Mikroben.

© Finlay/Arrieta: Dreck ist gesund, Goldmann 2018.

© Finlay/Arrieta: Dreck ist gesund, Goldmann 2018.

Kinder, die in einer verhältnismäßig keimfreien Umgebung aufwachsen, leiden häufiger unter Allergien und Asthma als Kinder, die mit Dreck in Berührung kommen – sei es im Kontakt mit anderen kranken Kindern, mit Haustieren oder auf einem Bauernhof. Es ist erwiesen, dass zu viel Hygiene den Aufbau eines intakten Immunsystems hemmt. Davon berichten die Mikrobiologen Brett Finlay und Marie-Claire Arrieta in ihrem Buch „Dreck ist gesund“ (Goldmann, 352 S.) unter anderem. Sie haben erforscht, dass zu viel Hygiene auch eine der Ursachen für chronische Erkrankungen wie Diabetes, Asthma oder Fettleibigkeit sein kann. „In unserem Eifer, die Welt zu säubern, haben wir mehr Mikroorganismen als nötig beseitigt, was uns paradoxerweise krank machen kann. Warum? Weil unser Körper sich nur dann optimal entwickeln kann, wenn er von großen Mengen Mikroben umgeben ist.“ Der Mensch benötigt einen ausgeglichenen Haushalt von Mikroben, und den wiederum können wir über unser Hygieneverhalten beeinflussen.

Nicht verwechselt werden dürfen ein krank machender Reinlichkeitswahn und die notwendige Körperpflege. In Zeiten von Grippewellen raten Ärzte zu regelmäßigem Händewaschen – selbstverständlich macht das Sinn! Die Hände müssen aber keineswegs ständig desinfiziert werden. Wir wissen außerdem, dass es essentiell notwendig ist, die Zähne zu putzen, um Zahnstein, Zahnbelag und infolgedessen Karies zu vermeiden. Ganz klar! Finlay und Arrieta raten: „Es sollte immer eine unserer Hauptbestrebungen sein, schwere Krankheiten zu vermeiden. Doch wir können bereits viel ausrichten, wenn wir zwischen notwendigen Behandlungen, wie etwa einer Antibiotikatherapie zur Bekämpfung lebensbedrohlicher bakterieller Infektionen, und unnötigen und übertriebenen Hygienemaßnahmen unterscheiden, etwa einem Kind jedes Mal, wenn es draußen gespielt hat, die Hände zu desinfizieren. […] In der klassischen Mikrobiologieausbildung haben wir uns nur mit jenen Mikroorganismen beschäftigt, die Krankheiten verursachen, beziehungsweise mit den Methoden, wie sich diese beseitigen lassen. Inzwischen ist uns bewusst, dass wir viele Jahre lang die übergroße Mehrheit der Mikroorganismen ignoriert haben, die uns gesund erhlaten.“ Finlays und Arrietas Buch bietet einige Denkanlässe – insbesondere für die Zeit der Schwangerschaft –, aufgrund der vielen Wiederholungen wird die Lektüre aber leider schnell mühsam.

© Irene Maria Gruber

© Irene Maria Gruber

Nichtsdestotrotz wurde ich während des Lesens daran erinnert, dass Dreck per se nichts Schlechtes ist – und das möchte ich meinen Kindern unbedingt auch vermitteln. Und dann muss ich daran denken, was ich meinen Kindern aus ihren Büchern vorlese. Ich habe ein paar der neueren, eigentlich wirklich wundervollen Bücher, die sich mit dem menschlichen Körper auseinandersetzen, zusammengetragen und darin geblättert. Warum findet man, wenn Mikroben derart wichtig für uns sind, in Kindersachbüchern kaum etwas dazu?

© Rübel: Wieso? Weshalb? Warum? Wir entdecken unseren Körper, Ravensburger 2012.

© Rübel: Wieso? Weshalb? Warum? Wir entdecken unseren Körper, Ravensburger 2012.

Im Buch „Wieso? Weshalb? Warum? Wir entdecken unseren Körper“ von Doris Rübel (Ravensburger, 16 S., ab 4 Jahren) erfahren Kindergartenkinder in einem Satz, dass im Darm einiges los sei und dass unzählige nützliche Bakterien helfen würden, die Nahrung zu verdauen. Von schädlichen Krankheitskeimen und Bakterien, die sich bis zum Nerv eines Zahnes vorgebohrt hätten und Schmerzen verursachen würden, ist auf der nächsten Doppelseite sehr ausführlich die Rede.

© Bornstädt/Döring: Guck mal. Mein Körper, Carlsen 2018.

© Bornstädt/Döring: Guck mal. Mein Körper, Carlsen 2018.

Im Sachbuch „Guck mal: Mein Körper“ von Matthias von Bornstädt und Hans-Günther Döring (Carlsen, 14 S., ab 3 Jahren) wird hauptsächlich von krank machenden Bakterien und Viren gesprochen – und davon, dass Händewaschen und Zähneputzen dabei helfen, Krankheitserreger von Händen und Zähnen zu entfernen. Auf der Doppelseite zur Verdauung verbirgt sich unter einer kleinen Klappe ein pupsender Hund und der eher unpräzise Hinweis: „In unserem Darm helfen viele winzige Bakterien dabei, die Nahrung zu verdauen. Sie stellen Gase her, die unseren Körper verlassen müssen – und dabei nicht immer gut riechen.“

© Voigt/Noa: Was ist was? Mein Körper, Tessloff 2017.

© Voigt/Noa: Was ist was? Mein Körper, Tessloff 2017.

Auch im Band „Was ist Was Junior: Mein Körper“ von Silke Voigt und Sandra Noa (Tessloff, 20 S., ab 4 Jahren) kommen Mikroben nicht gut weg. Verschiedene Krankheitserreger – Viren, Bakterien und Pilze – gilt es von der „Gesundheitspolizei“ abzuwehren. Und das wird gar nicht so kindgerecht beschrieben: „Wenn du krank bist, kämpft dein Körper gegen die Krankheitserreger. Weiße Blutkörperchen suchen nach den Eindringlingen und vernichten sie.“ Und was kann man selbst vorbeugend tun, um Krankheitserreger erst gar nicht in den Körper zu lassen? Duschen, Baden, Händewaschen und Zähneputzen.

Bei genauerer Betrachtung spiegelt so mancher Inhalt der Bücher für kleinere Leser leider genau jenen Hygienewahn wieder, der die Entwicklung eines vielfältigen Mikrobioms behindert, und den Finlay und Arrieta kritisieren. Wie immer ist es wichtig, mit Kindern über das Gelesene zu sprechen und ihnen auch weiterführendes Wissen anzubieten. Dass unser Körper von Milliarden von Mikroben besiedelt ist, von denen die Mehrheit nützlich und schützenswert ist, ist doch eine wichtige Information, die Kinder faszinieren kann!

© Badstuber/Richert: Mähne putzt Zähne, Coppenrath 2016.

© Badstuber/Richert: Mähne putzt Zähne, Coppenrath 2016.

Die Hygiene ist in Kindersachbüchern zum Thema Körper also omnipräsent, und es wird auch exklusiv zu diesem Thema geschrieben, etwa im Buch „Mähne putzt Zähne“ von Martina Badstuber und Katja Richert (Coppenrath, 14 S., ab 2 Jahren), in dem das unbestritten wichtige Zähneputzen in den Mittelpunkt gerückt wird: Warum der Löwe Mähne ein paar Grimassen ziehen muss, um jeden Zahn erreichen und sein Gebiss blitzeblank putzen zu können, wird nicht erklärt. Wir putzen unsere Zähne und damit basta!

© Álvarez Miguéns/Daynes: Vor dem Essen Hände waschen!, Usborne 2018.

© Álvarez Miguéns/Daynes: Vor dem Essen Hände waschen!, Usborne 2018.

Das ansprechend illustrierte Klappenbuch „Vor dem Essen Hände waschen!“ von Marta Álvarez Miguéns und Katie Daynes (Usborne, 12 S., ab 3 Jahren) wird da schon konkreter: Auf der ersten Doppelseite wird noch der Unterschied zwischen Viren und Bakterien einfachst erklärt – und auch eine wichtige Info weitergegeben: „Nicht ALLE Bakterien machen krank. Viele sind sehr nützlich. Sie unterstützen deinen Körper bei der Arbeit … und sie helfen bei der Herstellung von Lebensmitteln.“ Zu sehen sind unter einer Klappe Kinder, die Käse und Joghurt essen. Dann erfahren wir, dass Keime überall leben, und die Illustratorin lässt uns glauben, dass diese unglaublich süß aussehen!

© Álvarez Miguéns/Daynes: Vor dem Essen Hände waschen!, Usborne 2018.

© Álvarez Miguéns/Daynes: Vor dem Essen Hände waschen!, Usborne 2018.

Die nächsten Doppelseiten sind der Verbreitung von Keimen gewidmet – und immer folgt der Hinweis, sich die Hände zu waschen. Nach dem Klobesuch, bevor man Lebensmittel anfasst, nach dem Niesen oder Husten, nach dem Umgang mit Tieren. Es ist eindeutig von Händewaschen die Rede, nicht von Desinfizieren. Das Buch vermittelt außerdem wichtige Gedanken zum Einsatz von Antibiotika oder Impfstoffen – und das auf kindgerechte Art und Weise.

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© Druvert: Anatomie, Gerstenberg 2018.

Die neueren Sachbücher für größere Kinder leisten erwartungsgemäß bessere Aufklärungsarbeit. Das großformatige, filigrane, ästhetisch wertvolle Buch „Anatomie. Das faszinierende Innenleben des Menschen“ von Hélène Druvert (Gerstenberg, 40 S., ab 8 Jahren) macht auf die bakterielle Vielfalt im Darm aufmerksam: „Im Darm befinden sich Milliarden Bakterien, die […] die Verdauung unterstützen. Es sind unterschiedliche Bakterien, je nachdem, was man für gewöhnlich isst. Bakterien: mikroskopisch kleine Lebewesen, manche sind nützlich, andere aber auch für schwere Infektionen verantwortlich.“

© Schutten/Rieder: Der Mensch, Gerstenberg 2015.

© Schutten/Rieder: Der Mensch, Gerstenberg 2015.

Noch genauer sind Jan Paul Schutten und Floor Rieder, Autor und Illustratorin des Buchs „Der Mensch oder das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“ (Gerstenberg, 160 S., ab 10 Jahren). Schon im Titel finden die Mikroben, die unseren Körper besiedeln, Platz. Und dann lesen wir in vielen Themenbereichen von ihnen und schließlich auch: „Das Gewicht der lebenden Wesen in deinem Körper entspricht dem einer Packung mit einem Liter Milch. Allein auf deiner Fingerspitze hocken Millionen Bakterien. Und in deinem Bauch hast du etwa ein Kilo davon.“ Und weiter im Text erfahren wir, dass die Bakterienmischung jedes Menschen so einzigartig wie ein Fingerabdruck ist: „Weil jeder andere Bakterien hat, riecht auch jeder Mensch anders. Wenn du also findest, dass jemand gut riecht, meinst du eigentlich seine oder ihre Mikroben.“

© Schutten/Rieder: Der Mensch, Gerstenberg 2015.

© Schutten/Rieder: Der Mensch, Gerstenberg 2015.

Schließlich wird eine ganze Doppelseite der Erklärung gewidmet, warum Bakterien unverzichtbar sind und uns beim Gesundbleiben helfen, und warum wir aber dennoch nicht aufs Händewaschen verzichten dürfen: „Jetzt denkst du vielleicht: ‚Ha! Lang leben die Bakterien! Nie wieder vor dem Essen Hände waschen!‘ Aber so einfach ist es dann doch nicht. Denn es gibt gute und schlechte Bakterien. Die schlechten findest du manchmal auf rohen Eiern. Vielleicht hast du schon mal von einer Salmonellenvergiftung gehört? Die kommt von den Bakterien, die im Hühnerkot außen am Ei kleben. Normalerweise verschaffen dir diese Salmonellen eine Nacht mit Erbrechen oder Durchfall. Aber bei alten und kranken Menschen kann eine Salmonellenvergiftung tödlich verlaufen. Als ähnlichen Gründen solltest du Gemüse und Obst immer abwaschen und vor allem bei rohem Fleisch aufpassen.“

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