Elternalltag, Kochen, Nachhaltig leben
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Die besten Zimtkringel – und einige Gedanken über „Hygge“ und „Lagom“

Es ist Sonntag und wir haben einen ruhigen Tag ohne Termine vor uns, draußen rieselt endlich der Schnee. Diese kleinen Kunstwerke aus Hefeteig für die Nachmittagsjause sind ohne viel Aufwand herzustellen, und die Wartezeit lohnt sich in mehrfacher Hinsicht. Die Kleinen sind glücklich, das Haus verwandelt sich in eine duftende Bäckerei und das Beste daran: Man kann die Zimtkringel problemlos für Tage, an denen weniger Zeit zum Backen ist, einfrieren! Das Rezept habe ich auf dem Blog der Norwegerin Trine Sandberg gefunden und wurde von mir leicht abgewandelt.

© Irene Maria Gruber


Zimtkringel (Kanelsnurrer)

Die Menge an Teig reicht für etwa 24 Stück.

Zutaten für den Teig: 950 g Weizenmehl, 500 ml Milch, 25 g frische Hefe, 70 g Rohrohrzucker, 1 TL geriebener Kardamom, 1 Prise Salz, 1 Ei, 150 g zimmerwarme Butter (in Stücken)
Für die Fülle: Rohrohrzucker, Zimt, 100 g geschmolzene Butter, ev. geriebene Hasel- oder Walnüsse
Vor dem Backen: 1 verquirltes Ei, Hagelzucker

Alle Zutaten für den Teig in eine Rührschüssel geben (es ist nicht nötig, die Hefe aufzulösen, es genügt, sie zu zerbröseln) und mit dem Knethaken der Küchenmaschine etwa 15 Minuten lang kneten. Wenn der Teig zu klebrig ist, etwas Mehl hinzufügen. Die Teigkugel mit einem Küchentuch abdecken und mindestens 1 Stunde lang gehen lassen.

Den Teig halbieren und jede Hälfte auf einer bemehlten Unterlage rechteckig – mit einer Seitenlänge von etwa 60 cm – ausrollen. Auf der einen Hälfte geschmolzene Butter aufstreichen, Zucker und Zimt (und ev. geriebene Nüsse) daraufstreuen.

Die zweite Hälfte des Hefeteiges auf die erste legen. Dann das Quadrat in 12 Streifen schneiden und jeden Streifen halbieren. Jeder Streifen wird nun eingedreht und zu einem Knoten geformt. Wie das geht, kann man in diesem Beitrag auf Trines Matblogg sehen. Die Zimtkringel auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech legen und unter einem Küchentuch noch etwa 30 Minuten gehen lassen. Dann mit Ei bepinseln und Hagelzucker daraufstreuen. Hierbei helfen sogar die allerkleinsten Hände schon gerne!

Die Zimtkringel bei 225°C Ober-Unterhitze 10 bis 15 Minuten lang backen, bis sie goldbraun sind. Die Kringel, die man nicht sofort nach dem Auskühlen gegessen hat, sollten alsbald eingefroren werden. Bei Bedarf können sie dann aus der Tiefkühltruhe genommen und nach dem Auftauen bei 175 °C Heißluft 4 Minuten aufgebacken werden. Die Zimtkringel schmecken dann wie frisch!


© Irene Maria Gruber

Und während die Kinder und die Nachbarsmädchen die leckeren Zimtkringel verspeisen, muss ich an die Schlagworte „Hygge“ und „Lagom“ denken. Hinter den Wörtern aus dem Dänischen und Schwedischen, die in Skandinavien seit Jahrhunderten Bedeutungen tragen, verstecken sich mittlerweile auch angesagte Lifestyle-Trends, denen man seit ein paar Jahren überall auf der Welt begegnet. Während „Hygge“ von „Kunst der Innigkeit“ über „Gemütlichkeit der Seele“ und „Abwesenheit jeglicher Störfaktoren“ bis hin zu „Freude an der Gegenwart beruhigender Dinge, gemütliches Beisammensein“ vieles bedeutet, wird „Lagom“ mit „genau im richtigen Maß“ oder „alles in Maßen“ übersetzt.

© Irene Maria Gruber

„Es geht darum, sich mehr am Allgemeinwohl und weniger am individuellen Wohl auszurichten – es geht um den Gedanken, dass wir als einzelne Menschen nur gedeihen, wenn die Gesellschaft gedeiht. Diese Philosophie betrifft alle Lebensbereiche von der Arbeit bis zur Umwelt. In unserer täglichen Routine entscheiden wir, was wir essen, was wir tragen, wie wir leben und wie wir arbeiten. Wenn es uns gelingt, Aspekt von lagom hier einzubringen [sic], dann könnte genau das der Trick sein, um einen ausgewogeneren und nachhaltigeren lebensstil anzunehmen, der die Freuden des Lebens höher bewertet als die des Konsums“, schreibt Anna Brones in „Lagom. Das Geheimnis des schwedischen Lebensglücks“. Das klingt alles ganz wunderbar, fast zu schön, um wahr zu sein, und auch die zahlreichen reich bebilderten Bücher und Magazine, die zu diesen beiden Zauberformeln für ein glückliches Leben in Balance erschienen sind, zeigen eine skandinavische Idylle, die selbstverständlich gefällt. Aber genau das lässt Zweifel aufkommen. Nicht alle Probleme sind ganz schnell vom Tisch, wenn wir uns plötzlich wie Skandinavier fühlen, hyggelige Wollsocken anziehen, Kerzen anzünden und lagom in Work-Life-Balance leben. „In der Intimität der „Hygge“ wird das Fremde schnell zur Bedrohung“, erklärt „Hygge“-Experte Jeppe Trolle Linnet in der Frankfurter Rundschau. „In der Hygge kann eine Wirklichkeitsflucht mitschwingen. À la: Die Welt ist kalt und böse, aber wir sitzen drinnen und trinken warmen Kakao.“

„Lagom. Das Geheimnis des schwedischen Lebensglücks“ von Anna Brones (Busse Seewald), 224 S.. Gedruckt in Italien auf Papier aus verantwortungsvollen Quellen (FSC-Mix Label).

© Irene Maria Gruber

Apropos Kakao: In keinem der drei Bücher zu den Themen „Hygge“ und „Lagom“, die ich in meinem Regal stehen habe, mangelt es an Rezepten. Natürlich, denn Essen kann ja tatsächlich glücklich machen, das merken wir an diesem Zimtschneckennachmittag. Die Dänen und Schweden legen übrigens nicht nur ein Mal am Tag eine bewusste Pause ein, die sie „fika“ nennen und mit Kaffee und Süßem zelebrieren. Zimtschnecken, in Schweden „Kanelbullar“ genannt, werden besonders gern gegessen. „Kein anderes Gebäck ist in der Kaffeepause so beliebt wie die mit Zimt gewürzte Hefeschnecke, die hier noch mit einem Hauch Kardamom aromatisiert wurde. Denkt man an den anheimelnd wüzigen Duft, der durchs Haus zieht, wenn die Zimtschnecken im Ofen backen, kann man die innige Beziehung der Schweden zu Zimt verstehen“, frohlockt Linnea Dunne in „Lagom. Glücklich leben in Balance“ als Einleitung ihres Rezepts für Kanelbullar. Und auch im Buch „Hygge. Ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht“ des Dänen Meik Wiking zieren Kanelsnegl“ das Titelbild des Kapitels mit hyggeligen Rezepten.

„Lagom. Glücklich leben in Balance“ von Linnea Dunne (Callwey), 160 S.. Gedruckt in Italien auf holzfreiem Papier.

„Hygge. Ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht“ von Meik Wiking (Lübbe), 288 S.. Gedruckt in Deutschland (Appel & Klinger, Schneckenlohe) auf Papier aus verantwortungsvollen Quellen (FSC-Mix Label).

© Irene Maria Gruber

Zimtkringelessen an sich ist nicht böse, nein. Unser wohliges Gefühl bei der gemeinsamen Kaffeejause mit Kindern schon gar nicht. Und es ist für mich auch sehr leicht nachvollziehbar, dass man sich den einen oder anderen Aspekt eines minimalistischen und praktischen skandinavischen Lebens- und auch Wohnstils abschauen möchte. Das mache ich auch! Aber ich spüre bei der Lektüre der Bücher und meiner Recherche, was geschehen kann, wenn „Hygge“ und „Lagom“ als Vorwand benützt werden, um sich einen kuscheligen, sicheren Hafen einzurichten. Fast biedermeierlich mutet dieser Rückzug in die eigenen vier Wände an. Vor lauter Wohligkeit läuft man vielleicht Gefahr, komplexere Sachverhalte zu verdrängen, Konflikte zu scheuen, sich von der Außenwelt abzukapseln. Die Ereignisse draußen in der großen, weiten Welt auszublenden, weil es unangenehm wäre, darüber nachzudenken. Die dänische Schriftstellerin und Makroökonomin Janne Teller fordert in ihrem Gastbeitrag für die Hannoversche Allgemeine gar das Ende des Einigelns und ortet im Rückzug in die Gemütlichkeit eine Form von Eskapismus, der andere ausgrenzt: „Wir müssen uns der Hygge-Decken entledigen und rausgehen. Wir müssen politische Lösungen für die Konflikte auf der ganzen Welt einfordern. Und wir müssen uns damit abfinden, dass das Streben nach Einkommensgerechtigkeit, der Bewahrung unseres Lebensraumes und der Sicherheit unserer Mitmenschen das Wachsen unseres eigenen Komforts verlangsamen könnte. Wir müssen jene willkommen heißen, die verzweifelt an unseren Küsten Zuflucht suchen, und einsehen, dass wir Menschen aufeinander angewiesen sind. Nur wenn der sichere Hafen wirklich für alle offen ist, wird unser eigenes Hygge kein Raum für Eskapismus und Exklusivität sein, sondern eine wahre Energiequelle für die Verbesserung unserer geteilten Zukunft.“

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Elternalltag, Kochen, Nachhaltig leben

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Ich bin Mama & Primarstufenpädagogin, Germanistin & Skandinavistin und schreibe am liebsten über Bücher und andere brauchbare Dinge für Kinder. Ich lebe mit meinem Mann und meinen drei kleinen Kindern in Wien.

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