Bilderbücher, Kinderbücher
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Wachsen Kartoffeln auf Bäumen?

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(c) Gabriel Verlag

Dieser Tage hört und liest man überall von Erntedankfesten. In Pfarren danken gläubige Christen Gott für die Ernteerträge, Österreichs Land- und Forstwirte haben ihr Fest bereits Anfang September in Wien veranstaltet. Aber auch ohne den religiösen Hintergrund beachten zu müssen merken wir zu dieser Jahreszeit, dass Feiern angebracht ist: Auf den Märkten etwa ist die Auswahl so vielfältig und bunt wie nie, unter den geernteten Köstlichkeiten biegen sich die Marktstände. Im Bilderbuch „Wachsen Kartoffeln auf Bäumen?“ bildet ein Erntedankfest die Rahmenhandlung – in erster Linie aber möchte die Autorin Sabine Rahn über die Herkunft unseres Essens erzählen.

Das Erntedankfest im Kindergarten, zu dem jeder etwas beitragen soll, steht kurz bevor. Lola und Mathis bereiten sich gemeinsam mit ihren Eltern auf diese Feier vor und wollen etwas Selbstgemachtes mitbringen. Der Vater arbeitet ohnehin als Koch in einem Restaurant, und die Tätigkeit des Kochens gehört in der Familie anscheinend zur Routine. Die Mutter wird jedenfalls auch als Köchin bezeichnet. Sie ist diejenige, die zu Hause bleibt, um das Mittagessen für die Kinder vorzubereiten, während der Vater die Wohnung verlässt, um in der Arbeit andere zu bekochen. In dieser Hinsicht entsprechen die Rollenbilder in diesem Buch leider ganz der Tradition.

Obwohl das Zubereiten von Speisen feste Gewohnheit ist, sieht es in Lolas Vorstellungswelt so aus: Kartoffeln wachsen wie Äpfel auf Bäumen, Gummibärchen wiederum erntet man im Supermarkt. Lolas Mutter ist gefordert und beginnt, im Internet zu recherchieren. Sie zeigt ihrer Tochter und dem größeren Mathis, was in einer Süßwarenfabrik geschieht. Ganz fasziniert sind die Kinder von den Maschinen und den vielen Arbeitsschritten. Gleich darauf bringt die Mutter Lola und Mathis bei, Nudeln selbst herzustellen. Es geht ja auch ganz einfach, man benötigt nur Dinkelmehl, Dinkelgrieß, Salz, Pfeffer und Wasser. Die Kinder sind beeindruckt. Das Kochen hat Spaß gemacht und das Ergebnis schmeckt fantastisch.

(c) Irene Maria Gruber

(c) Irene Maria Gruber

Um die Kinder über die Herkunft von alltäglich verfügbaren Lebensmitteln aufzuklären, fahren die Eltern mit Lola und Mathis am Wochenende auf den Bauernhof. Stadtkinder entdecken das Land, da sie so gar keine Ahnung haben, was dort geschieht – was in diesem Buch als Klischee anmutet, ist vermutlich die Realität. Die Kinder können dem Bauern beim Pressen von frischem Apfelsaft über die Schulter schauen. Auf einer großen Doppelseite kann man den Bauernhof von oben betrachten und erfährt Wissenswertes über Getreide, Gemüse, Obst und die Hennen, die Eier legen. Die Herstellung diverser Milchprodukte sowie jene von Honig wird auf den folgenden Seiten noch ausführlicher thematisiert. Die Illustrationen sind einfach, aber absolut ausreichend, um erste aufschlussreiche Einblicke in die Arbeitsprozesse zu erhalten.

Mit einem Kofferraum voller regionaler Produkte fährt die Familie zurück in die Stadt. Für das Mittagessen werden zwar Fischstäbchen aus der Kühltruhe geholt, als Beilage gibt es aber zumindest Kartoffelbrei aus Kartoffeln und Milch vom Bauernhof. Wiederum ist Aufklärungsarbeit notwendig, da in Lolas Fantasiewelt die Fischstäbchen mitsamt der Panier im Meer herumschwimmen. Geduldig erklären die Eltern auch die Herstellung dieses Produktes. Sie sind sich ihrer Verantwortung anscheinend bewusst, dennoch sollte an dieser Stelle Kritik geübt werden: Hier hätte die Autorin Gelegenheit gehabt, etwa die Zutatenliste der Fischstäbchen ins Blickfeld zu rücken, nachhaltigen gegenüber verantwortungslosem Fischfang zur Sprache zu bringen oder über Regionalität zu diskutieren. Stattdessen wird das Mittagessen mit Ketchup und Kartoffelbrei verzehrt und schon vom Nachtisch gesprochen. Auf dem nächsten Bild sieht man die Geschwister beim Schneiden von Bananen, Melonen, Orangen und Mangos, regionale Produkte vom Bauernhof sind leider nicht zu erkennen.

(c) Irene Maria Gruber

(c) Irene Maria Gruber

Am Ende des Buches wird schließlich das Erntedankfest im Kindergarten gefeiert. Der Vater hat einen großen Topf mit Kürbissuppe gekocht, auf einem Tisch liegen Obst, Gemüse, Nudeln, Brot, Honig und Blumen. Zumindest hier stimmen die abgebildeten Produkte mit jenen aus unseren Breiten stammenden überein, und die Kinder haben sich als Erdbeere, Sellerie, Birne, Getreide, Pflaume und Möhre verkleidet. Ein Erntedanklied wird gesungen, dann wird traditionellerweise auch Gott für die Gaben gedankt … es ist ein festliches Ende, doch leider wurde in diesem Buch keine klare Message herausgearbeitet. Wollte die Autorin die regionalen und saisonalen Produkte, für die beim Erntedankfest ja gedankt wird, in den Mittelpunkt rücken? Oder geht es generell um die Herkunft unseres Essens, wie der Untertitel des Buches verspricht? Diese beiden großen Themenkomplexe wollen und können sich nicht zu einem stimmigen Ganzen fügen. Weder wurden in Zusammenhang mit den Lebensmitteln aus der nahen Umgebung Nachhaltigkeitsaspekte hervorgehoben, noch wurden Herkunft und Herstellungsbedingungen von Produkten aus dem Supermarkt ausführlich genug angesprochen. Sicherlich, das Buch kann wertvolle Denkanstöße liefern – man sollte es aber auf jeden Fall gemeinsam mit den Sprösslingen lesen, viele Fragen zulassen und noch viel mehr ergänzen!

„Wachsen Kartoffeln auf Bäumen? Woher unser Essen kommt“ von Sabine Rahn und Günther Jakobs ist im Gabriel Verlag erschienen. 32 Seiten. Für Kinder ab 4 Jahren.

Nicht als E-Book erhältlich.

Blickpunkt Umweltschutz und Nachhaltigkeit:

Papier: keine Angabe
Druckfarben: keine Angabe
Druck und Bindung: Himmer AG, Augsburg (Deutschland)

 


 

biorama_logo Diese Rezension wurde auf biorama.eu veröffentlicht.

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