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Alice Brière-Haquet – Mein erster Kuchen

Mein erster Kuchen Cover

© Illustration von Barroux aus „Mein erster Kuchen“, Annette Betz in der Ueberreuter Verlag GmbH, Berlin 2014

„Mein erster Kuchen“, ein Sachbilderbuch der französischen Autorin Alice Brière-Haquet, erzählt von den vielen Menschen in verschiedenen Ländern, die dazu beitragen, dass wir zu Hause einen einfachen Kuchen backen können. Von diesen komplexen Verbindungen und von der Verantwortung, die Erwachsene für Kinder tragen, spricht die Autorin in einem Interview.

Eine wahre Geschichte, die meine Tante vor Jahren berichtete: Ein kleiner Junge, der mit seiner Mutter zu Besuch war, stand auf Zehenspitzen in ihrer Küche und blickte ungläubig in den Ofen. Aus dieser gelben Masse, die aus Zucker, Butter, Eiern, Mehl und ein paar anderen Zutaten zusammengerührt worden war, wuchs ein Ungetüm heran, das Marmorkuchen genannt werden sollte. Backpulver hieß das Zaubermittel, durch das der Kuchen im heißen Backrohr so schnell wachse, wurde ihm erklärt. Ein paar Jahre seines Lebens war er im Glauben geblieben, Kuchen bekäme man ausschließlich im Supermarkt oder in der Bäckerei zu kaufen, fein säuberlich verschweißt in durchsichtiger Plastikfolie – nun stand nach etwa einer Stunde Arbeit ein selbst gebackener am Tisch, der allein schon deshalb besser schmeckte, weil es sein Kuchen war. Der Junge selbst hatte doch den Mixer in die Rührschüssel gehalten und später die Schokoladenmasse vorsichtig mit einem Löffel in die Form gefüllt, abwechselnd mit dem gelb gebliebenen Teig. Konzentriert acht gebend, eine schöne Marmorierung zu erzielen, hatte der Junge bei seinem ersten Kuchen noch gar nicht an die vielen interessanten Geschichten gedacht, die dieses süße Ding in sich versteckte. Dazu später mehr…

Diese kleine Anekdote ist, wie bereits erwähnt, nicht erfunden und könnte vermutlich von vielen in ähnlicher Form erzählt werden. Zumindest lassen mich als Lehrerin das die unzähligen verschweißten Schulmäuse, Milchschnitten und Schokomuffins, die in den Schulpausen aus den Taschen geräumt werden, und die zu Geburtstagsfeiern mitgebrachten, bei der Ankunft manchmal noch tiefgekühlten Fertigtorten vermuten.

Mein erster Kuchen 1

© Illustration von Barroux aus „Mein erster Kuchen“, Annette Betz in der Ueberreuter Verlag GmbH, Berlin 2014

Die französische Autorin Alice Brière-Haquet hat ein Sachbilderbuch über den ersten selbst gebackenen Kuchen verfasst, das kürzlich auch ins Deutsche übersetzt wurde. In „Mein erster Kuchen“ erzählt sie nicht nur von einem Backerlebnis, sie wagt sich in die Welt der Zutaten vor und erklärt den Allerkleinsten in einfacher Form, dass die Entstehung eines Kuchens erst durch unzählige, oftmals nicht mitgedachte Elemente möglich gemacht wird: Am Ende des Buches punktet die Erkenntnis, dass die fertig gebackene Köstlichkeit im Grunde eine Reise um die ganze Welt beinhaltet. Wenn der Kuchen schlussendlich, am besten mit Freunden gemeinsam, angeschnitten wird, haben die kleinen LeserInnen vielfältige, mitunter auch aufschlussreiche Bilder im Kopf. Unterstützt durch die farbenfrohen Illustrationen von Barroux zeichnet Alice Brière-Haquet ein Netz aus Verbindungen zwischen Natur, ProduzentInnenen, Handel und KonsumentInnen, welches neugierige Kinder dazu anregen wird, weitere Fragen zu stellen.

In einem Interview spricht Alice Brière Haquet von der Vorbildwirkung der Erwachsenen. Um Kindern etwas beizubringen, müsse man nicht nur solch große Themen ansprechen, sondern vor allem im Alltag bewusste Taten setzen.

Hat dich ein bestimmtes Ereignis dazu bewogen, die Geschichte von „Mein erster Kuchen“ aufzuschreiben? Welche Aspekte schienen dir besonders wichtig zu vermitteln?
Es war nicht wirklich ein Ereignis, vielmehr die Weltanschauung meiner Schwiegermutter, welche mich dazu gebracht hat, diese Geschichte zu schreiben. Sie ist immer dankbar für alles, und ich glaube, sie hat damit sehr recht. Was immer auch geschieht, das Essen, die Dinge, das Leben – alles ist ein Produkt aus Arbeit und Mitwirkung vieler Menschen. Es ist sehr einfach, diese Menschen und ihre Arbeit zu vergessen, aber es ist schön, sich diese Dinge in Erinnerung zu rufen: es macht alles lebendig.

Ab wann sind Kinder deiner Meinung nach fähig, sich mit solch großen Themen wie Globalisierung, Ökologie oder Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen?
Ich glaube, Globalisierung ist eine Chance, sie ist unsere Chance: Wir können fast überall hin reisen und jeden treffen – sogar ohne uns zu bewegen. Dieses Buch erzählt nicht von Ökologie, sondern hauptsächlich von Menschen und wie diese sogar in den simpelsten und alltäglichsten Bereichen miteinander verbunden sind.
Ich glaube, dass das Alter von Kindern für nicht ausschlaggebend ist. Meiner Meinung nach ist das eine gesellschaftliche Konstruktion. Manche Kinder sind sehr früh reif, während viele Erwachsene noch sehr kindisch sind. Wir sollten also eher von Menschen und deren Beziehungen sowie „sichtbaren“ und „unsichtbaren“ Verbindungen sprechen.

Sich ein Bild von ökologischen Zusammenhängen zu machen ist nur durch ein dichtes Netz vieler Erkenntnisse möglich. Hast du weitere Tipps für Eltern, wie man ein derartig komplexes Thema, wie es das Buch thematisiert, im „zeitarmen“ Alltag unterbringen kann?
Mit Kindern über irgendein „großes Thema“ wie zum Beispiel Ökologie zu sprechen ist nicht der einzige Weg, sie zu bewusst denkenden Menschen zu erziehen. Was wir wirklich tun müssen: Wir müssen so handeln, wie wir wollen, dass auch unsere Kinder handeln. Ein Vorbild zu sein ist der beste und möglicherweise auch der einzige Weg, ihnen etwas beizubringen. Und natürlich ist das eine Frage des Alltags! Aristoteles sagte: „Wir sind das, was wir wiederholt tun. Hervorragende Leistung ist dann keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.“

© Annette Betz Verlag

© Illustration von Barroux aus „Mein erster Kuchen“, Annette Betz in der Ueberreuter Verlag GmbH, Berlin 2014

„Mein erster Kuchen“ von Alice Brière-Haquet ist im Annette Betz Verlag erschienen. 36 Seiten. Für Kinder ab 4 Jahren.

Nicht als E-Book erhältlich.

Blickpunkt Umweltschutz und Nachhaltigkeit:

Papier: keine Angabe
Druckfarben: keine Angabe
Druck und Bindung: Druckerei Theiss GmbH, St.Stefan im Lavanttal (Österreich)

 


 

biorama_logo Diese Rezension wurde auf biorama.eu veröffentlicht.

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